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Der Bau der Nord-Süd Stadtbahn in Köln

Spätestens am 3. März 2009 werden sich bei den Kölner Verkehrsbetrieben (KVB) die Verantwortlichen für die neue Nord-Süd Stadtbahn gefragt haben, welche bösen Geister sie wohl beim Graben der U-Bahn geweckt haben mögen. Denn von Anfang an ist der Bau von Pleiten, Pech und Pannen und schweren Unglücken verfolgt.

Im Rahmen der Ermittlungen zur Unglücksursache des Einsturzes des Kölner Stadtarchivs werden nach und nach zahlreiche Tatsachen aufgedeckt, die nicht nur auf Verantwortungslosigkeit beim U-Bahn-Bau, sondern auch auf schwerwiegende Verstöße und kriminelle Machenschaften hindeuten.

Die neue Nord-Süd Stadtbahn

Mit dem Bau der sogenannten Nord-Süd Stadtbahn verkürzt die KVB zum einen die Fahrtzeit zwischen Südstadt den südlichen Stadtteilen und der Innenstadt und entlastet zum anderen den stark frequentierten Innenstadttunnel. In drei Bauabschnitten wird das Streckennetz erweitert, Kernstück ist der Bau einer neuen U-Bahn-Linie mitten durch die bzw. unter der Alt- und Südstadt. Die Kosten für die neue Strecke werden auf gut 550 Millionen Euro geschätzt, am Ende sollen sie bei über 1,1 Milliarden Euro liegen.

Die erste Baustufe zwischen der existierenden Haltestelle Breslauer Platz und der neuen Haltestelle Marktstraße auf der Bonner Straße ist rund vier Kilometer lang. Ein rund 90 Meter langer Anschlusstunnel zwischen Kurt-Hackenberg-Platz und Breslauer Platz verbindet den neuen Tunnel und dem bereits vorhandenen Tunnel Dom-Ost zwischen den Haltestellen Ebertplatz und Dom/Hauptbahnhof. Der südliche Ausgang der U-Bahn wird zwischen den Haltestellen Bonner Wall und Marktstraße auf der Bonner Straße liegen. Die vier neuen Haltestellen Rathaus, Severinstraße, Kartäuserhof und Chlodwigplatz werden fast komplett unterirdisch, die Haltestellen Breslauer Platz, Heumarkt und Bonner Wall dagegen in offenen Gruben gebaut. Auch die Tunnelstrecken neben der Philharmonie am Kurt-Hackenberg-Platz, der Gleiswechsel Waidmarkt sowie die Rampe an der Bonner Straße können nicht unterirdisch gebaut werden.

In südlicher Richtung wird hinter der Haltestelle Bonner Wall in einem zweiten Bauabschnitt ein östlicher Abzweig zur Rheinuferstrecke gebaut. Diese Strecke führt über das Gelände eines stillgelegten Hafengleises bis an den Rhein zur Rheinuferstraße. Mit diesem Teilstück wird der neue Nord-Süd-Tunnel mit der Trasse der Linie 16 nach Sürth, Wesseling und Bonn verbunden. Im dritten Bauabschnitt schließlich wird die neue Nord-Süd Stadtbahn im Anschluss an die überirdische Haltestelle Marktstraße auf der Bonner Straße oberirdisch weiter über die Bonner Straße in Richtung Süden bis nach Marienburg zum Verteilerkreis Köln / Arnoldshöhe verlängert.

Pleiten, Pech und Pannen beim U-Bahn-Bau

Noch bevor es mit dem U-Bahn-Bau richtig los geht, kommt es im September 2004 zu einer ersten dramatischen Panne. Kaum hat sich eine kleine Tunnelbohrmaschine beim Anlegen eines Versorgungsschachtes ihren Weg unter der Kirche Sankt Baptist auf der Severinstraße gebohrt, bildet sich unter dem Turm der Kirche ein Hohlraum. Der Kirchturm sackt ab und neigt sich langsam zur Seite. Eilig werden Stützbalken angebracht und die Hohlräume mit Beton verfüllt. Ein Jahr später wird der Turm wieder aufgerichtet.

Im November 2004 bilden sich durch Erschütterungen der benachbarten Baustelle Heumarkt in der romanischen Kirche Sankt Maria in Kapitol Risse in den Wänden und die Holzdecke droht abzustürzen. Offiziell bestreitet die KVB jeden Zusammenhang, hinter den Kulissen kommt es aber zu einer Einigung über die Schadensabwicklung. In den Jahren 2005 und 2006 nimmt die Zahl der Häuser mit Rissen rund um den Alter Markt und in der Südstadt deutlich zu. Auch in der romanischen Kirche Sankt Severin entstehen große Risse. 2007 bewegt sich der Kölner Rathausturm um gut sieben Millimetern, Risse durchziehen das Mauerwerk. Auch im historischen Kölner Rathauskeller platzt an mehreren Stellen Putz von den Wänden und es entstehen Risse. Und wieder bestreitet die KVB zuerst jeden Zusammenhang mit dem Bau der U-Bahn, doch die Ergebnisse der Sachverständigen sind eindeutig und die KVB übernimmt die Reparaturkosten.

Was beim „Schiefen Turm von Köln” 2004 noch gut ausgeht, endet im März 2009 tragisch. In der Baugrube Waidmarkt halten die schützenden Schlitzwände dem äußeren Druck nicht stand und Wasser, Erde und Kies brechen ein. Auf der Severinstraße stürzen das Gebäude des Historischen Archivs der Stadt Köln und zwei Wohnhäuser ein, zwei Bewohner kommen bei dem Unglück ums Leben.

Verstöße und Verantwortungslosigkeit: Pfusch und Klau beim U-Bahn-Bau

Bereits in der Woche nach diesem tragischen Unglück tauchen erste Dokumente in der Öffentlichkeit auf, nach denen es in der Baustelle Waidmarkt seit längerem zu Unregelmäßigkeiten gekommen ist. Vor allem ist immer wieder von undichten Schlitzwänden und Wassereinbrüchen die Rede. In der Baugrube werden seit Dezember 2008 in insgesamt 23 Brunnen bis zu 750 Kubikmeter Grundwasser pro Stunde abgepumpt, genehmigt sind aber nur maximal 450 Kubikmeter pro Stunde in vier Brunnen. Und auch in der Baustelle der Haltestelle Heumarkt wird mehr Wasser abgepumpt als erlaubt. Die Frage ist, ob mit dem übermäßigen Abpumpen das Erdreich so massiv geschädigt wurde, dass es zu einem sogenannten hydraulischen Grundbruch und zum Einsturz der Häuser gekommen ist.

Die weitere Überprüfung der Baugrube Waidmarkt ergibt, dass es im Sommer 2005 beim Anlegen der Lamelle 11 der Schlitzwand, die sich direkt vor dem Stadtarchiv befindet, zu Problemen gekommen ist. In einer Tiefe von 30 Metern stoßen die Arbeiten auf ein Hindernis und die 3,40 Meter breite Baggerschaufel bricht. Da der Grund für das Hindernis nicht gefunden oder umgangen werden kann, werden die Arbeiten mit einer kleineren, 2,80 Meter breiten Schaufel fortgesetzt. Die Folge ist, dass an dieser Stelle eine Minderbetonage vorliegt.

Aufgefallen ist dies niemandem, da das Vermessungs- und Betonierungsprotokoll gefälscht wird. Bei der Sichtung aller Schlitzwandprotokolle bis zum Dezember 2009 tauchen weitere gefälschte Protokolle auch aus anderen Baustellen auf. Der Grund für die scheinbar systematischen Fälschungen wird im Februar 2010 aufgedeckt, als ein Arbeiter bei der Staatsanwaltschaft den Diebstahl von Sicherungseisen gesteht. Eisenbügel, die in den Schlitzwänden der Baugrube hätten verbaut werden müssen, sind von den Baustellen abgezweigt und stattdessen für mehrere tausend Euro an einen Schrotthändler verkauft worden.

Hiervon betroffen sind die Baugruben Waidmarkt, Rathaus, Heumarkt, Chlodwigplatz und Kartäuserhof, die Überprüfung der Baugrube am Heumarkt ergibt, dass sogar nur ein Fünftel der vorgesehen Eisen in den Seitenwänden verbaut ist. Während die U-Bahnhöfe Rathaus und Karthäuser Hof so weit fertiggestellt sind, dass der Zustand der Schlitzwände keinen Einfluss mehr auf die Standsicherheit hat, kann diese am U-Bahnhof Heumarkt nicht für jeden Fall gewährleistet werden. Die Evakuierung des Bereichs und die Flutung der Baugrube werden vorbereitet, schließlich entschärft eine eilig betonierte Decke die unsichere Lage in der Baugrube.

Das Ignorieren von Warnsignalen und das Versagen der Kontrolle beim U-Bahn-Bau

Schon lange vor dem Einsturz des Stadtarchivs werden immer wieder große Risse im Gebäude gemeldet. Anfang Februar 2009 ergibt die Auswertung einer Gebäudevermessung, dass die Vorderseite des Historischen Archivs seit dem Baubeginn um 20 Millimeter und die Rückseite um 17 Millimeter abgesackt ist. Die Protokolle hierzu belegen eindeutig, dass diese Veränderung den Bau-Verantwortlichen bekannt sind. Weitergehende Untersuchungen für den Grund der Absenkungen werden trotzdem nicht veranlasst.

Bereits das Anlegen der zusätzlichen Brunnen in den Baugruben verstößt gegen die Auflagen der wasserrechtlichen Erlaubnis. Erfahren haben will die Behörde dies erst vier Tage nach dem Häusereinsturz durch die Presse, denn zur allgemeinen Überraschung finden auf der Baustelle keine Kontrollen durch das Amt statt. Erst am 7. März 2009 fordert die Untere Wasserbehörde die Wassertagebücher an und entdeckt den Verstoß. Die Angaben der KVB hierzu sind widersprüchlich: Einerseits sagt Walter Reinarz, der bis ein Jahr nach dem Unglück für den U-Bahn-Bau verantwortlich ist, dass die Baufirma Mehrkosten wegen neuer Brunnen geltend gemacht hat, andererseits will die KVB aber erst durch das Umweltdezernat von dem Verstoß gegen die Auflagen erfahren haben.

Am 20 . März 2009 wird bekannt, dass es bereits im September 2008 in der Baugrube Waidmarkt zu einem kleinen hydraulischen Grundbruch sowie im Februar 2009, also kurz vor dem Einsturz der Häuser, zu Wasserdurchlässigkeiten bei den seitlichen Schlitzwänden gekommen ist. Die KVB, die bisher Wasserprobleme am Waidmarkt immer bestritten hat, gibt jetzt an, dass im September 2008 die Baugrube erst zu zwei Dritteln der Endtiefe ausgehoben war und es nicht zu einem hydraulischen Grundbruch, sondern lediglich zu einem Ausfall einer Pumpe und deshalb zu einem starken Wasserzufluss gekommen sei. Probleme mit der Undichtigkeit einer Schlitzwand seine nur im nordwestlichen Teil - das Unglück ereignete sich im südöstlichen Teil - des Bauwerks aufgetreten, die Risse wurden erfolgreich verpresst.

Die Frage nach der Bauaufsicht deckt eine sehr bedenkliche Praxis auf. Mit Baubeginn überträgt die Bezirksregierung diese Aufgabe an die Stadt Köln. Doch die Stadt reicht die Bauaufsicht weiter, und zwar an den Bauherrn, die KVB. Von nun an sind Bauaufsicht und Baudurchführung nicht mehr voneinander getrennt und die KVB darf sich selbst überwachen. Alle Fragen nach der Kontrolle will die KVB nicht beantworten, im Februar 2010 äußert sich der Sprecher des Vorstands Jürgen Fenske nur soweit, dass er derzeit nicht sagen könne, in welcher Qualität die interne Bauüberwachung der KVB gearbeitet habe.
 
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Sicherungsmaßnahmen für den U-Bahn-Bau...
Die meisten Bauten der neuen U-Bahn liegen unterhalb des Grundwasserspiegels. Deshalb müssen die offenen Baugruben mit Baugrubenumschließungen besonders gesichert werden. Als Seitenwände dieser Umschließungen werden sogenannte Schlitzwände errichtet, die bis zu 45 Meter tief bis in die als wasserundurchlässig geltenden Erdschichten des Tertiärs reichen. Dringt dennoch Grundwasser in eine Baugrube ein, wird dieses abgepumpt und über das eigens aufgestellte Leitungssystem der blauen Rohre in den Rhein geleitet.

Damit es durch den sogenannten Schildvortrieb der Tunnelbohrmaschinen nicht zu Absenkungen von Gebäuden kommt, werden die Böden und Häuser vor dem Baubeginn überprüft und gegebenenfalls vorhandene Bebauungen durch Hochdruckinjektionen mit Beton geschützt. Zusätzlich sind an einigen Gebäuden weitere Sicherungsmaßnahmen vorgesehen, wie zum Beispiel an der Severinstorburg, die im Inneren Stützen und Außen ein zusätzliches Stahlkorsett erhält.

Ein weiteres Sicherungsverfahren ist das der Bodenvereisung. Ober- und unterhalb der Baubereiche werden bei diesem Verfahren Grundwasser und Erdreich in Temperaturen von etwa minus 50 Grad Celsius eingefroren. Der Boden verfestigt sich und kann ausgehoben werden. Nach der Sicherung der Baugrube durch wasserdichten Beton wird die Vereisung aufgehoben.

Ein Segen für die Archäologen...
Der U-Bahn-Bau ist ein wahrer Segen und eine Fundgrube für die Archäologen der Stadt. Obwohl die U-Bahn selbst weitestgehend unterhalb von archäologisch interessanten Schichten gebaut wird, werden für Haltestellenzugänge sowie die Versorgungs- und Anfahrschächte gut 20.000 Quadratmeter Fläche im Bereich der römischen bis frühneuzeitlichen Stadt freigelegt. Dieser Bereich liegt etwa zwei bis sechs Meter, im Bereich der Altstadt auch bis zu 13 Meter unterhalb des Straßenniveaus. Da die gesamte Trasse und alle zugehörigen Baustellenflächen der Nord-Süd Stadtbahn als Bodendenkmal in die Denkmalliste der Stadt Köln eingetragen sind, müssen die Bauarbeiten bei Funden eingestellt werden, bis die Archäologen diese sichergestellt haben. Zu bezahlen sind die notwendigen Ausgrabungen durch die KVB, da diese als „Verursacher” der Freilegung gilt.

In Anbetracht der Kölner Verhältnisse ist es wenig verwunderlich, dass die Archäologen bei den Ausgrabungen „reiche Beute” machen. Die gesammelten Fundstücke können gar nicht alle im Römisch-Germanischen Museum ausgestellt werden. Trotzdem warten neben vielen kleineren Stücken aber auch einige größere Überraschungen unter der Erde. So werden am Chlodwigplatz gewaltige Fundamente einer mittelalterlichen Bastion vor der Severinstorburg gefunden. Am Alter Markt werden gesunkene oder aufgegebene Frachtschiffe und Transportgüter freigelegt und unter dem Kurt-Hackenberg-Platz kommen sogar Fragmente der alten römischen Stadtmauer sowie ein Tor der damaligen Hafeneinfahrt zutage.

Ein Fluch für Anwohner und Hausbesitzer...
Neben den unterirdischen gibt es in der Innenstadt und der Südstadt zahlreiche überirdische Baumaßnahmen. Dafür wird die Verkehrsführung in der Innenstadt und im Severinsviertel häufig geändert und ganze Straßenzüge werden für Monate gesperrt. Besonders hart betroffen ist die Severinstraße auf ihrer ganzen Länge. Auf ihr werden im südlichen Bereich die Haltestelle Karthäuserhof und in der Mitte mit der Haltestelle Severinstraße die Anbindung an die Ost-West-Achse über die Severinsbrücke gebaut. Außerdem wird am Waidmarkt ein sogenannter Gleiswechsel mit Notausstieg gebaut. Das bedeutet, dass die Severinstraße wiederholt über die Jahre abschnittsweise für den Verkehr gesperrt werden muss. Für die Anwohner bedeutet dies sieben Jahre mit Baulärm, beengten Verhältnissen auf der Straße und den Bürgersteigen mit Bauzäunen und Abdeckplanen und natürlich einer ganzen Menge Schmutz, Dreck und Lärm.

Die Baufirmen gehen davon aus, dass sich die Erschütterungen durch den Schildvortrieb an den Häusern und Bauwerken nur minimal bemerkbar machen werden. Einige Setzrisse wird es wohl geben, gravierende Auswirkungen auf die Statik der Gebäude werden aber nicht erwartet. Die Praxis sieht dann doch ein wenig anders aus. Trotz der Sicherungsmaßnahmen kommt es zu vielen besorgniserregenden Rissen und Absenkungen an Gebäuden. Konkrete Zahlen zu der Anzahl der Bauschäden oder zur Höhe der Schadenssumme geben die KVB nach Abschluss der Arbeiten der Tunnelbohrmaschinen nicht bekannt. Es wird lediglich verlautet, dass die Schäden durch die Versicherungsgesellschaft Lloyds abgesichert sind und Regelungen mit den Betroffenen gefunden werden sollen.
 
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